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MODE KUNST ARCHITEKTUR

Dieser Blog ist dem Material gewidmet, der Konstruktion, der Technik, der Opulenz und der Schönheit, dem Spektakulären, Aufregenden, Anekdotischen, den kleinen Details und dem großen Gesamteindruck, der Bewegung, der Farbe, dem Vergangenen und der Zukunft.

Mittwoch, 27. März 2013

Wie baut man sich eigentlich eine Leiche? Ein Abend mit Jörg Buttgereit im Venus & Apoll



Ein Grabstein fehlt: Buttgereit am Grab von Serientäter Ed Gein
Am Ende meiner Schulzeit kursierte unter einigen meiner Klassenkameraden die Legende von einem Film, der angeblich von echter Nekrophilie handelte. Man raunte sich den Namen Jörg Buttgereit zu und den Titel des Films, „Nekromantik“. Das war der Sommer, in dem wir, die Coolen aus dem Kunst Leistungskurs, die Aulawand unserer Schule bemalten und eines Nachts an der Friedhofspforte von der Polizei gefragt wurden, was wir hier eigentlich machen. Unsere Antwort „nichts“ war nicht mal gelogen und ich glaube, dass damals keiner von uns „Nekromantik“ wirklich gesehen hat. Es war einfach die Zeit, in der man unbedingt bööööööse wirken wollte und im Fernsehen noch Rammstein-Videos liefen. Später habe ich eines Nachts dann tatsächlich „Nekromantik“ gesehen und die Vorstellung einer Dreiecksbeziehung mit einer Leiche, bzw. die wahnsinnig gruselig aussehende Leiche selbst, erfüllte mich wirklich mit Angst und Schrecken. Ich gebe es zu.

Dienstag, 26. März 2013

Korinsky - Atelier für vertikale Flächen



 
Im August 2011 konnte man in Berlin an langen Sommerabenden ein merkwürdiges Phänomen beobachten. Aus einem verlassenen Hörsaal in der Nähe des Berliner Ensembles drang ein unerklärbares Knistern und Knirschen. Irgend etwas Geheimnisvolle musste hinter den sonderbar schief sitzenden Fenstern des Hörsaals vorgehen, denn zwischen den Blättern des dichten Weinlaubvorhangs sah man es grell grün aus dem ansonsten ganz im Dunkeln liegenden Gebäude hervorleuchten. 

Im Sommer darauf wunderten sich die Besucher des Architekturmuseums Berlin, woher in dem dem Gebäude von Hans Scharoun angeschlossenen Innenhof plötzlich diese Gartengeräusche stammten. Unter das Brausen des nahe gelegenen Ernst-Reuter-Platzes, eines riesigen Verkehrskreisels aus den Fünfzigerjahren, mischte sich plötzlich ein Summen und Surren, das eine ganz eigene Gartenatmosphäre schuf und im Kontrast zu dem ansonsten sehr strengen, von Betonelementen geprägten Innenhof stand.

Hinter den Klanginstallationen, die sich stets mit der Architektur und Atmosphäre eines besonderen Ortes auseinandersetzen, stehen die Brüder Abel, Carlo und Max Korinsky, die seit einigen Jahren zusammenarbeiten und in ihre Werke ihren jeweils unterschiedlichen künstlerischen Hintergrund einfließen lassen.

Donnerstag, 21. März 2013

Der kleine Urbanist




Auf der Ecke meines Schreibtischs sitzt eine graue Taube und blinzelt mir freundlich zu. Dann verwandelt sich ihr kleiner, hautenger, silberner Fliegeroverall in weniger als einer Sekunde in etwas wie eine große, aufgefächerte Pfingstrose, aus der auf einem langen Hals ein Kopf herausragt. Die Taube ist in der Lage, jede einzelne Partie ihres Federkleides separat zu bewegen und so faltet sie sich auf, stellt die Federn wie Schuppen hoch und beginnt sich hingebungsvoll zu putzen. Es wirkt beinahe, als habe sie ihren Flügel aus dem Scharnier gehängt, wenn sie immer wieder mit dem Kopf tief eintaucht in die weißen Flügeldaunen und biltzschnell mit ihren spitzen scharfen Schnabel durchs Gefieder fährt. Es knistert wie ein Taftunterrock wenn sie sich die langen schwarzen Federn ihrer Schwingen durch den Schnabel zieht und ihr Festkleid wirkt dadurch noch kostbarer. Sie bläht sich auf zu einer barocken Gewitterwolke, zu einem ganzen Himmel in dem sich alle möglichen Grautöne aufeinander zu bewegen, glänzendes, schweres Graphit, pudriges weiches Dunkelgrau, Grau, das im Licht zu Lila und Grün changiert, ganz helles Grau, das schon fast zu Beige tendiert, zartes Blaugrau und, gut versteckt unter all der Opulenz, lichtes Weiß.

Samstag, 16. März 2013

Christo: Big Air Package im Gasometer Oberhausen




Christo, der seit Jahren den Titel des Verpackungskünstlers trägt, hat für seine neueste Installation das Prinzip des Verhüllens umgekehrt. Austragungsort des aktuellen Projekts ist der Gasometer in Oberhausen. Dessen riesige Leere inspirierte Christo dazu, eine Idee aufzugreifen, die er bereits im Jahr 1968 bei der documenta IV in kleinerem Rahmen umgesetzt hat: das Air Package. Anstatt den Gasometer zu verpacken wie vor Jahren den Reichstag, präsentiert Christo nun eine riesige aufblasbare Hülle, die den gesamten Innenraum des ehemaligen Gasbehälters einnimmt. Mit einer Höhe von neunzig und einem Durchmesser von fünfzig Metern trägt die riesige Skulptur aus sorgsam zusammengenähten Stoffbahnen und Luft ihren Namen zurecht: Big Air Package. 

Nachdem Christo und sein langjähriger Leibfotograf Wolfgang Volz das Werk gestern im Rahmen einer Pressekonferenz eröffnet haben, ist das Big Air Package ab heute für die Öffentlichkeit zugänglich. Der Pressekonferenz selbst lag bereits eine gewisse Inszenierung zugrunde, die einem Spannungsbogen folgte, der sich über mehrere Stunden hinweg zog, von mehreren Ortswechseln lebte und dessen Protagonisten Christo und Volz stets eine riesige Meute von Fotografen umringte. Zunächst wurden im dunklen Untergeschoß einige Fakten zur Konstruktion und Entstehungsgeschichte des Air Packages verkündet und auf die dortige Ausstellung hingewiesen, die Volz’ Fotografien von Christos mit dem Air Package verwandte Arbeiten zeigte. Man wolle hier keine Retrospektive zeigen, sondern lege Wert auf die Materialität der Objekte, deren Verbindung in ihrer Vergänglichkeit liege und dem immer wiederkehrenden Thema des Stoffs. Für das Big Air Package habe man 20350 Quadratmeter Stoff vernäht, nachdem man ausgiebig nach einem leicht transparenten Material gesucht habe. Interessant war dabei, dass sich bei der Konferenz eigentlich alle zu Wort meldeten, bis auf Christo, der einzig durch sein Alter Ego Wolfgang Volz kommunizierte. 

Mittwoch, 13. März 2013

Tausendfüßler. 1962 - 2013. Düsseldorf verabschiedet sich von der Moderne.

Architektur, Beton, Eleganz, Düsseldorf

Düsseldorf hat sich endgültig von der Moderne verabschiedet, und zwar sehr symbolträchtig durch den Abriss des Tausendfüßlers. Angeblich haben die Abrissarbeiten mit dem 25. Februar begonnen, ich selbst weiß das nicht, ich möchte diesem Fiasko nicht auch noch persönlich beiwohnen. 

Der Tausendfüßler vor Richard Meyers Peek&Cloppenburg
Der Tausendfüßler war bekannt als die „schönste Hochstraße der Bundesrepublik der Nachkriegszeit“. Damals, nach dem Krieg, kam das Konzept der Autogerechten Stadt auf, der moderne Mensch wollte schließlich mobil sein. In der Autogerechten Stadt sollte der Verkehr ungehindert fließen können, dazu wurden Staßenzüge verbreitert und vermutlich so manches abgerissen, was den Krieg so gerade überstanden hatte. Für Düsseldorf bedeutete das, dass man von Süden aus, von der A46 kommend, ganz geradeaus und ungehindert durch die ganze Stadt hindurchrauschen und auf sich der anderen Seite für einen Flughafen- oder Messebesuch entscheiden konnte. Kam man aber von Norden aus, so hatte man das luxuriöse Erlebnis, über den Tausendfüßler zu fahren und die Stadt und den großen Park, in dessen See sich das neue Thyssen-Hochhaus spiegelte, von oben zu sehen, bevor das Auto gemächlich wieder hinabrollte. Man stelle sich das mal vor: 1962, Flughafen Düsseldorf International, dann die Fahrt über den Tausendfüßler…die Leute müssen doch gedacht haben, sie sind in einer modernen Großstadt wie Seattle gelandet!
 

Ästheten schätzten die Feingliedrigkeit und elegante Linienführung, den weichen, dynamischen Schwung mit dem der Tausendfüßler  zwischen den Karees der Innensatdt hindurchglitt, eine zweite Ebene ins Bild legte und den Blick der Passanten immer wieder in Richtung Himmel führte. Der Tausendfüßler war die ideale Verkörperung des Form-follows-Function-Gedanken. Er war schön, er war funktional, er war kostengünstig und vor allem genoss er die Sympathie der Bevölkerung. Alleine die Verschalung sah bereits aus wie eine riesige, kühn geschwungene Holzskulptur, die man mitten in der Stadt aufgebaut hatte, wie der Rücken einer riesigen Taube (Link).


In der Woche vor dem geplanten Abriß fuhr ich so oft wie möglich über den Tausendfüßler und fotografierte das Bauwerk zu jeder Tages- und Nachtzeit. Am allerletzten Tag konnte die Bevölkerung zu Fuß über die Hochstraße laufen um sich zu verabschieden. Die so wie so schon grimmige Stimmung der Leute wurde durch einen heftigen Eisregen zusätzlich verstärkt. Die Leute der Iniziative Lot Stonn, die die Hochstraße anfangs noch retten wollten, malten Herzen auf die Y-Pfeiler und verteilten schwarze Luftballons. Das half nun auch nichts mehr. Tatsächlich war angekündigt worden, dass man sich ein Stück Beton abklopfen darf und so standen einfacher gestrickte Menschen am Martin Luther Platz und begannen mit der Leichenfledderei. Irgendwo in der Menge stand der Oberbürgermeister und wurde interviewt, eine Verzweifelte hielt ein mit Filzstift geschriebenes, völlig unleserliches Schild über seine Schulter in die Kameras, und man fragte sich, was das hier eigentlich alles sollte. Alle wirkten irgendwie ratlos und erschüttert.

Sonntag, 10. März 2013

Düsseldorf / New York: Patricia Field spricht beim Fashion Net Education Center

Fotos von Eric Alexander


„You have to build your own city around you“. Diesen zentralen Satz gab mir die Kostümdesignerin Patricia Field mit auf den Weg, als ich im Rahmen des Fashion Net Education Centers Anfang Februar ein Interview mit ihr geführt habe. Der Künstler als Erbauer seiner eigenen idealen Stadt; eine Idee, die mir durchaus zusagt. 

Seit Jahren bietet das Fashion Net Education Center, das jeweils anlässlich der düsseldorfer Modewoche stattfindet, eine Vielzahl an Vorträgen, die sowohl durch die ganz besondere Auswahl der Sprecher als auch durch den großen Praxisbezug des Gesagten beeindrucken. Um gestalterische Aspekte geht es bei den Vorträgen, in hohem Maß aber auch um die Umsetzung, also darum, wie die unterschiedlichsten Modedesigner ihr Label gegründet haben, dafür jeden Tag kämpfen und es am Leben erhalten. Und das ist das wirklich Faszinierende am Fashion Net Education Center: der realistische Blick ins Atelier, dorthin, wo die eigentliche Arbeit stattfindet. 


In diesem Jahr war nun tatsächlich Patricia Field geladen, die legendäre Kostümdesignerin, die mit ihren eklektizistischen Arrangements maßgeblich zum Erfolg der Serie „Sex and the City“ beigetragen hat und für „Der Teufel trägt Prada“ für einen Oscar nominiert wurde.

Während Designer/innen wie Alexandra Kiesel, Kilian Kerner, Ann-Katrin Cartsensen von Rita in Palma und das Team von Blame über ihre Arbeit sprachen, saß Patricia Field auf einem Sofa im Foyer des riesigen Zelts, das man im Hof des ehemaligen Gefängnisses Ulmer Höh’ aufgebaut hatte, und gab Interviews und schließlich hatte auch ich das Vergnügen, mit ihr zu sprechen.

Auch wenn sie heute vor allem als Kostümdesignerin und Stylistin bekannt ist, liegt der Ursprung von Patricia Fields Karriere in einem bereits im Jahr 1966 eröffneten Kleidergeschäft. Auf meine Frage hin, welche Art Kleidung sie dort verkaufte, erklärte sie mir, dass sich ihr erster Laden auf dem Campus der University of New York befunden und sie dort zunächst Kleidung im Mod-Style verkauft habe, den wir ja eigentlich aus England kennen, also einen eher coolen, urbanen, strengen Look, der bald schon von der Hippie-Mode abgelöst wurde. 1966 war die Zeit des Umbruchs und Patricia Field befand sich natürlich am Puls der Zeit. Ich erzählte ihr, dass ich mir intensiv die Seite ihres Shops angeschaut hatte, den sie mittlerweile in der Bowery    in New York betriebt und dass sie sich nun offensichtlich auf die Neunzigerjahre spezialisiert habe. Daraufhin lachte sie mit ihrer rauchigen Stimme laut auf und meinte: „That’s what the kids want!“. In die späten Neunzigerjahre zumindest reicht ihre Beschäftigung mit der Serie „Sex and the City“ zurück und ich sprach sie darauf an, dass es vorher doch nichts Vergleichbares gegeben hatte, was so sehr zu einer Demokratisierung der Mode beigetragen hat. Nur „Dynasty“, meite sie trocken, also den „Denver Clan“ und fügte dann sehr energisch hinzu, dass sie selbst es war, die den Begriff der Demokratisierung der Mode geprägt hat. Und zwar habe für den eher preisgünstigen Online-Shop Payless einige Schuh-Modelle entworfen und damit etwas dazu beigetragen, dass sich jeder aufregende Schuhmode leisten kann. 


Danach redeten wir noch lange über die Verbindung zwischen Kunst und Mode. Frau Field pflichtete mir darin bei, dass die eigentliche Modeindustrie nach ganz anderen Systemen arbeite als die Kunst, obwohl Mode im Idealfall natürlich Kunst sei. Ihre Lösung des Konflikts sei, an ganz vielen verschiedenen Projekten zu arbeiten. Sie selbst habe fünf Jobs, den Laden, das Styling und all das, und dann würden sich auch Möglichkeiten ergeben, Mode als Kunstform zu schaffen. „You have to build your own city around you“. Patricia Field, das muß man sagen, ist es gelungen, sich eine eigene Stadt zu errichten, und das erklärt auch diese heitere Gelassenheit, in der sie mit rauchiger Stimme aus ihrem Leben berichtete.